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Auch wenn niemand sein genaues Alter kennt – 15? 16? – und auch Daten und Details über andere Teile seiner Kindheit unklar sind, eines ist klar: jeder, der Akshay Waghri gekannt hat, erinnert sich an einen intelligenten, sensiblen und mitfühlenden Jungen.

Er war extrem aktiv, sogar als die Tuberkulose und die damit verbundenen Komplikationen mehr und mehr von seinem Körper Besitz nahmen und er immer  bettlegriger wurde, hat er es geliebt, Besucher und Gäste zu empfangen und zu lesen. Am Ende konnte er kein Buch mehr halten, aber er hat sich immer noch Serien auf Hindi am Fernseher des Nachbarn angeschaut. Seine jüngere Schwester, Kiran, hat ihm immer wenn sie Zeit hatte vorgelesen. Akshay war in Unterhaltungen einnehmend und charmant und hat sich immer an kleine Details über Leute erinnert, die sie in vorherigen Unterhaltungen erwähnt haben. Er hat seine zwei jüngeren Geschwister unglaublich beschützt, sie zur Schule und zur Nachhilfe bei AIC gebracht und abgeholt, bis er zu schwach war, sie zu begleiten.

Am 20. Jänner 2015 hat Akshay seinen 18 monatigen Kampf gegen tuberkulöse Meningitis verloren.

Akshays Geschichte ist aus vielen Gründen tragisch. Seine Familie ist am Boden zerstört. Seine Lehrer sind am Boden zerstört – er war so vielversprechend, und seine Mutter hat ihre Hoffnung auf  ihn gesetzt. Akshays Geschwister im Alter von 9 bis 23 sind am Boden zerstört. Und die gesamte AIC Familie betrauert den Verlust dieses lieben, intelligenten Jungens.

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Unglücklicherweise ist für Akshays Familie Not nichts Unbekanntes. Sein Vater starb vor 8 Jahren, als Akshays jüngstes Geschwisterchen gerade ein Baby war. Seine verwitwete Mutter hat gekämpft um die fünf Kinder mit den 2000 – 3000 Rupien (30-50€) pro Monat zu ernähren, die sie zusammen kratzt indem sie Kleidung auf dem Markt verkauft.
Vor ca. 6 Jahren musste sie einen Kredit über 30.000 Rupien (500€) aufnehmen, um die Hochzeit ihrer ältesten Tochter zu finanzieren und aufgrund der rücksichtslosen Geldverleihungspraktiken, durch die viele in den Slums ausgenutzt werden, verschuldet sie sich jetzt um zusätzliche 5000 INR jedes Monat.
Bevor Akshay und seine Geschwister zu AIC kamen, hat man sie oft auf der Straße beim Betteln angetroffen um das Einkommen ihrer Mutter zu unterstützen, und die Familie hat oft tagelang nichts gegessen.

Die größte Tragödie besteht allerdings darin, dass Akshay an einer Krankheit gestorben ist, die im Jahr 2015 komplett vermeidbar und ganzheitlich heilbar sein sollte.

Akshay hat im Sommer 2013 – einige Monate nachdem er von einem Besuch aus dem Dorf, aus dem die Familie stammt, zurückgekehrt war – angefangen, Zeichen einer Erkrankung zu zeigen – Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Fieber. Seine Mutter befürchtete, dass er verflucht war und wie es bei den Waghris immer noch üblich ist, ließ sie ihn im Tempel verschwinden, damit dort für ihn gebetet würde. Die tagelangen Verfahren von Pujas und heilendem Wasser haben Akshay nicht davor bewahrt, kränker zu werden, aber sie haben die AIC Gesundheitsmitarbeiter davon abgehalten, von seiner Tuberkulose zu erfahren bevor sie schon weit fortgeschritten war. Als die Gesundheitsmitarbeiter endlich Wind von der Sache bekommen haben, mussten sie einschreiten indem das Waghri Panchayat (Stammeskonzil) überzeugten, Druck auf Akshay ́s Mutter auszuüben, damit sie ihn ins Krankenhaus bringt und behandeln lässt, weil sie überzeugt war, dass er im Tempel geheilt wird und medizinische Behandlung ablehnte.

Zu diesem Zeitpunkt waren Akshay ́s Kopfschmerzen lähmend, er konnte nicht gehen und er wurde extrem schwach. Als er dann im September 2013 ins Krankenhaus aufgenommen wurde, erkannten die Ärzte sofort den Grund für seine alarmierende Verschlechterung : Akshay hatte tuberkulöse Meningitis, oder geläufiger Tuberkulose des Gehirns.

Wir schafften es, mit den Sozialarbeitern des Krankenhauses zu verhandeln um eine hochwertige Behandlung in einer der besten Privatkliniken in Pune zu gewährleisten, woraus sich eine erfolgreiche Notoperation des Gehirns ergab, dennoch war Akshay ́s Genesung langsam und er blieb extrem schwach. Trotz häufiger Untersuchungen von Spezialisten, einer laufenden Medikation, täglicher protein- und energiereicher Nahrungsgaben an ihn und seine Familie und routinemäßigen Hausbesuchen von AIC Gesundheitsmitarbeitern blieb sein Gesundheitszustand bedenklich. Nach mehreren Monaten Stillstand ging es Akshay wieder schlechter. Letztendlich musste er sich im letzten Herbst einer zweiten Gehirnoperation unterziehen um Flüssigkeiten, die sich gebildet hatten, abzuleiten. Akshay hat sich nie ganz von seiner zweiten Operation erholt und ist nicht einmal drei Monate nach seiner OP im Schlaf verstorben.

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Heute sterben immer noch jährlich weltweit 1,5 Millionen Menschen an Tuberkulose, obwohl die überwiegende Mehrheit dieser Fälle (98%) in Entwicklungsländern vorkommt. Tuberkulose ist kurz gesagt eine Krankheit der Armen. Auch wenn die Kindersterblichkeit seit AIC im Jahr 2006 angefangen hat, mit der Waghri Gemeinschaft zu arbeiten, zurückgegangen ist, ist Akshays Tod eine schmerzliche Erinnerung, dass viele an etwas sterben, das eine im 21. Jahrhundert behandelbare Krankheit sein sollte. Und sie sind keine namenlosen, gesichtslosen Zahlen oder Statistiken – in diesem Fall werden sie von einem schüchternen Jungen mit einem gewinnenden Lächeln und einer vielversprechenden Zukunft verkörpert, der von seiner Familie geliebt wurde und wichtig für die Zukunft der Gemeinschaft war.

Trotz AIC ́s eng gestricktem Netz an Unterstützungsmaßnahmen, die unzähligen Auswirkungen von extremer Armut, Tod der Eltern, chronischer Unterernährung, kräftezehrender Schulden, Wohnungsunsicherheit, Mangel an Ausbildung und Aberglauben waren letztlich zu viel. AIC ́s Arbeit wird weitergehen trotz und wegen dieses tragischen Verlustes.

Im Gedenken an Akshay streben wir danach, die Gesundheit unserer Gemeinschaften zu verbessern, sodass unsere hochgefährdeten Kinder nicht nur überleben sondern aufblühen können.