Unter den 18 Millionen Straßenkindern in Indien gibt es viele Kinder aus marginalisierten nomadischen Gemeinschaften. 1871 wurde von den Briten der ‚Criminal Tribes Act’ verabschiedet, der manche Gemeinschaften, ungeachtet der wirklichen Aktivitäten der einzelnen MitgliederInnen, als ‚kriminell’ deklarierte (sie wurden ‚notified’). Die Waghri (oder Vaghri) und die Sikligar Sikh Gemeinschaften, mit denen wir arbeiten, waren zwei solche Gruppen von Adivasis. Als ‚notified tribes’, mussten sie täglich‚ Hajeri’ (Meldung) bei der Polizeistation machen. Ihre Mobilität war stark eingeschränkt, weil sie bei jedem Umzug oder jeder längeren Reise vorher eine Erlaubnis einholen mussten. Die Strafen waren streng und die Polizei nahm regelmäßig auf Verdacht MitgliederInnen dieser Gemeinschaften ohne Grund fest.
Erst 1952 wurden die Gemeinschaften rehabilitiert (‚denotified’). Trotzdem wurden viele dieser Gemeinschaften nicht in die Liste der ‚Scheduled Castes, Scheduled Tribes or Other Backward Classes’ gelistet und daher nicht von der Regierung anerkannt, um reservierte Plätze an Universitäten und regierungsnahen Firmen oder Förderungen wie Essensrationen1 zu bekommen. (Dies ist eine Form der positiven Diskriminierung).

Die Waghri

Die Vaghri, die in Maharashtra den Nachnamen Waghri tragen, kommen ursprünglich aus dem nordöstlichen Gujarat und dem südlichen Rajasthan. Die meisten Waghri in Pune kamen mit der letzten Generation auf der Suche nach Arbeit in die Region, aber weil die letzte Zählung der nomadischen Gemeinschaften und ‚denotified tribes’ in der Stadt 1931 war, gibt es keine genauen Zahlen.

Die Waghri Familien in Pune leben von losen Arbeitsverhältnissen, wie dem Verkauf von Kleidung, kleineren Arbeiten in Restaurants und dem gelegentlichen Brauen von ‚toddy beer’, einem selbstgemachten Bier aus fermentiertem Toddy-Saft.3 Die MitgliederInnen der Gemeinschaften sind keine VegetarierInnen, aber weil Fleisch teuer ist, essen sie meistens maximal zwei Mahlzeiten pro Tag, bestehend aus Moong Dal, Urd, Chavali (Hülsenfrüchte) und Weizenprodukte wie Chapati (Fladenbrot).

Obwohl die Waghri nicht mehr länger als krimineller Stamm gelistet sind, bekommen sie immer noch keine Unterstützung von der Regierung. Außer in Gujarat sind die Waghri in keinem Bundesstaat in der Liste der ‚Scheduled Tribes and Other Backward Classes’5. In ganz Indien sind sie nicht als ‚Scheduled Castes’ gelistet. Ohne Geburts- oder Kastenurkunde oder jeder anderen Art von Identifikation, sind sie Teil der unsichtbaren Bevölkerung, die kaum bis gar keine Unterstützung von der Regierung bekommt.
Das soziale Stigma hüllt die Waghri, auch Jahre nachdem die Bezeichnung des kriminellen Stammes abgeschafft wurde, noch weiterhin ein. Die Waghri werden von der Gesellschaft als nicht vertrauenswürdig und gefährlich angesehen und es ist undenkbar, einen Waghri in sein Haus einzuladen. Von den Frauen, die von Tür zu Tür gehen und Kleidung verkaufen, wird gedacht, dass sie nur das Haus ausspionieren, damit ihre Männer später wieder kommen und das Haus ausrauben können. Auch die Art ihrer Arbeit lässt sie im gesellschaftlichen Status sinken. Alte Kleidung zu verkaufen, ist dem Arbeiten mit Müll gleichgesetzt und man erwartet von so einem Menschen auch keine einwandfreie Moral.

Die Sikligar Sikhs

Wie die Waghri wurden auch die Sikligars an den Rand der Gesellschaft gedrängt, während Indien rund um sie herum immer moderner wurde. Der Name kommt aus dem Persischen. ‚Saigal-gar’ bedeutet: ‚der, der Metall poliert’. Früher waren die Männer meisterhafte Schmiede und Waffenschmiede. Die neuen Technologien haben ihre Arbeit aber obsolet gemacht.
Ursprünglich kommen die Sikligar aus dem Punjab und den angrenzenden Bundesstaaten. Sie leben ein einfaches und doch sehr schwieriges Leben. Ihre Mahlzeiten bestehen aus verarbeitetem Weizen, Brot aus Mais und Hirse und Hülsenfrüchten wie Masur, Moong, Moth und Gram. Die Familien müssen von weniger als einem US-Dollar pro Tag leben. In dem Slums, in denen wir arbeiten, sitzen die arbeitslosen Väter und Söhne der Sikligar entlang der Straße und verkaufen altes Holz, manche sind Caddys im nahegelegenen Golfplatz oder arbeiten in Jobs, die mit Metall zu tun haben.
Momentan sind die Sikligar in Maharashtra nicht in der Liste der ‚Scheduled Caste8, Scheduled Tribe9 or Other Backward Classes10. Die Probleme mit denen die Sikligar zu kämpfen haben, sind denen der Waghri ähnlich. Ohne Identifikation und mit einem schlechten Ruf ist es sehr schwer für sie, in dieser neuen Welt zu bestehen.

Die Kinder

Es gibt viele Bedürfnisse in den Waghri- und Sikligargemeinschaften, denen kein Gehör geschenkt wird. Sie haben weiterhin mit dem Stigma des kriminellen Stammes zu kämpfen. Wir bei AIC sind der Meinung, dass die Kinder der Schlüssel zur Zukunft dieser verarmten Gemeinschaften sind und wir investieren unsere Ressourcen so, dass die nächste Generation alle Möglichkeiten hat, um die Waghri- und Sikligargemeinschaften von innen heraus zu stärken und zu transformieren.

Sources
1. Bokil, Milind. De-Notified and Nomadic Tribes: A Perspective.
2. http://timesofindia.indiatimes.com/news/city/pune/NGOs-work-to-include-nomadic-tribes-in-2011-census/articleshow/4710917.cms
3. Kharwa, Toti and Pawar, Subhadra. Interview. 30. Oktober 2009.
4. http://censusindia.gov.in/Tables_Published/SCST/ST%20Lists.pdf
5. http://ncbc.nic.in/backward-classes/gujarat.html
6. http://censusindia.gov.in/Tables_Published/SCST/SC%20Lists.pdf
7. K.S. Singh. People of India: Punjab, Volume XXXVII. 2003. Seite 411.
8. http://censusindia.gov.in/Tables_Published/SCST/SC%20Lists.pdf; Anmerkung: Sie sind als ‚Scheduled Caste’ in fünf Bundesstaaten gelistet: Himachal Pradesh, Punjab, Chandigarh, Delhi, Haryana.
9. http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Scheduled_Tribes_in_India; Anmerkung: Sie sind in keinem Bundesstaat als ‚Scheduled Tribe’ gelistet.
10. http://ncbc.nic.in/backward-classes/rajasthan.html; Sie sind momentan als ‚Other Backward Class’ in Andra Pradesh, Jammu und Kashmir, Madhya Pradesh und Rajasthan gelistet.