Armut und Gesundheit

Armut und ein schlechter Gesundheitszustand gehen Hand in Hand. Nicht nur sind die Armen leichter von infektiösen und nicht-infektiösen Krankheiten betroffen, sie werden auch von vielen Behandlungen ausgeschlossen, die ihr Leben beträchtlich verbessern könnten. Fehlende Behandlung, schlechte Ernährung und desaströse Lebensumstände verschlimmern den Ernst jeder Krankheit und unterstützen die Übertragung zwischen den Menschen. Krankheiten wie Polio, Tuberkulose und Rachitis sind praktisch unbekannt in reichen Gegenden, in armen Gegenden jedoch sind sie weitverbreitet. In Indien zum Beispiel leben geschätzte 8,5 Millionen Menschen mit Tuberkulose und 99% der Betroffenen leben unter der Armutsgrenze.

Unzählige Studien haben gezeigt, dass es einen wechselseitigen Zusammenhang zwischen Armut und einem schlechten Gesundheitszustand gibt. Nicht nur führt Armut zu Krankheit, sondern Krankheit führt auch zu noch schlimmerer Armut. Wir wollen uns ein paar Beispiele ansehen, welche Auswirkungen das auf die Menschen aus dem Yerwada Slum hat, die Menschen, mit denen wir bei AIC arbeiten. Wir haben die Namen im Sinne der Privatsphäre geändert.

Radha ist acht Jahre alt und geht in die erste Klasse. Sie ist freundlich, energisch und intelligent, aber die Schule ist eine große Herausforderung für sie. Als Waisenkind lebt sie in einer Wellblechhütte mit ihrer Tante, ihrem Onkel und fünf Cousins. Ihre Tante arbeitet jeden Tag lange am Markt und verkauft dort Second-Hand Kleidung. Als das älteste Kind macht Radha die meiste Hausarbeit – sie wäscht, putzt und kümmert sich um ihre kleineren Cousins. Wenn jemand krank wird, kann sie nicht in die Schule gehen und bleibt daheim, um für denjenigen zu sorgen. Ohne in der Schule das Lesen und Schreiben zu lernen, wird sie mit ziemlicher Sicherheit früh verheiratet werden und später einmal ihrer Tante in den Second-Hand Markt folgen.

Pooja ist neun Jahre alt und lebt zusammen mit 16 anderen in einem Haus mit zwei Räumen. Ihr Vater hat schon seit fast zwei Jahren Tuberkulose und wurde immer wieder behandelt, musste seine Behandlung aber aufgrund seines Alkoholismus auch immer wieder aussetzen. So hat er eine multiresistente Tuberkulose entwickelt und wird nun mit allen fünf Tuberkulose-Medikamenten behandelt (Rifampicin, Isoniazid, Ethambutol, Pyrazinamid und Streptomycin). Seine Gesundheit hat sich trotzdem nur immer weiter verschlechtert. Pooja wurde vor ein paar Monaten positiv auf Tuberkulose getestet und wartet jetzt mit ihrer Behandlung, bis sie sicher sein kann, dass sie nicht sofort wieder von ihrem Vater angesteckt wird.

Amit ist drei Jahre alt und kann immer noch nicht gehen. Er ist schwach und oft krank. Die Ärzte diagnostizierten Rachitis und Anämie, aber seine Mutter kann sich die Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel, die er brauchen würde, um sich normal zu entwickeln, nicht leisten.

Was diese Beispiele zeigen, ist, dass Armut und ein schlechter Gesundheitszustand sich gegenseitig begünstigen. Die Individuen und Familien, mit denen wir täglich arbeiten, sind krank, weil sie arm sind und arm, weil sie krank sind.

Das städtische Umfeld unserer Arbeit wirft zudem weitere spezielle Herausforderungen auf. Am meisten haben wir mit der Überbevölkerung zu kämpfen. Die Häuser sind winzig, meistens bestehen sie nur aus einem Raum. Die Familien sind groß. Oft leben drei (manchmal sogar vier) Generationen – bis zu 20 Personen – unter einem Dach. Sie alle schlafen, essen, kochen und leben in den beiden Räumen und alle Erwachsenen der Gemeinschaften teilen sich einen öffentlichen Toilettenblock, der von der Regierung gebaut wurde, leider aber nicht regelmäßig gewartet wird. Daraus resultiert, dass gerade Krankheiten, die in der Überbevölkerung ihren Nährboden finden, sich rasch ausbreiten können. Tuberkulose und Parasiten werden besonders leicht übertragen. Die Häuser sind alle mit den Nachbarhäusern verbunden und die engen, kleinen Gassen und Stiegen dazwischen bieten den Kindern viele Möglichkeiten zum Verstecken spielen, gleichzeitig führen sie aber auch zu einer erschütternden Anzahl von Unfällen, weil Kinder von den Dächern der Häuser fallen.

Aufgrund all dieser Umstände glauben wir, dass Gesundheitsversorgung und Gesundheitserziehung für die Armen noch viel wichtiger sind als für alle anderen Gesellschaftsschichten. Die Arbeit unseres Slumentwicklungs-Programms versucht sich genauso wie die Arbeit in unserem Wohnprogramm den tieferen Gründen für Krankheit und Armut zu widmen. Diese Arbeit für die Zukunft hält uns aber nicht davon ab, in der Gegenwart Leiden zu lindern und Gesundheitsversorgung anzubieten. Wir sind der festen Überzeugung, dass jeder das Recht auf eine angemessene Gesundheitsversorgung hat; es gibt keine vordefinierte Grenze für unsere Services. Wir suchen für jedes Problem eine Lösung und haben auch schon Operationen am offenen Herzen für unsere Kinder organisiert. Unser Gesundheitsprogramm befasst sich weiters mit dem sozialwirtschaftlichen Ausschluss, Analphabetismus und dem Fehlen von effektiven Sozialleistungen des Staates, alles Gründe, die zum schlechten Gesundheitszustand der Menschen im Yerwada Slum führen. Wir halten Gesundheits-Kurse und haben Alphabetisierungsprogramme (letztere wurden ausdrücklich von vielen Frauen aus dem Slum gewünscht). Wir fördern die Ausbildung der Kinder durch unser Bildungsprogramm und arbeiten mit örtlichen Gesundheitsprogrammen der Regierung sowie mit Nichtregierungsorganisationen zusammen, um sicherzustellen, dass unsere Programme immer effektiver und besser werden.

Unser Gesundheitsprogramm und unser Programm für Erwachsenenbildung vervollständigen unser Bildungsprogramm und unser Wohnprogramm. Alle Programme haben das Ziel den Kreis der Armut zu durchbrechen, um die Straßenkinder von der Straße zu bringen und so sicherzustellen, dass sie selbst nicht weitere Straßenkinder groß ziehen.
Durch diese umfassenden Bemühungen wollen wir sinnvolle Alternativen bieten und so die Kinder von der Straße fernhalten.

Quellen

Gopi et al (2005). “Estimation of burden of tuberculosis in India for the year 2000”. Indian Journal of Medicine. 122 (September): 243-8.
UNFPA (2007). State of the World’s Population 2007: Unleashing the Potential of Urban Growth. New York: United Nations Population Fund.
The Global Fund. “Tuberculosis in India”. http://www.theglobalfund.org/en/in_action/india/tb1/