Straßenkinder

Indien hat mehr als 1,2 Milliarden EinwohnerInnen und ist somit das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt. Obwohl das Land zu den am stärksten expandierenden Volkswirtschaften der Welt gehört, ist Armut noch sehr weit verbreitet und ist weiterhin Indiens größtes Problem. Fast 20% der Bevölkerung verdienen weniger als die von der Regierung festgelegte Armutsgrenze von rund 0,50 Dollar pro Tag. Zieht man die übliche weltweit geltende Grenze der Weltbank heran (1,25 Dollar), sind es 33%, die in Indien unter der Armutsgrenze leben.

Aufgrund von Faktoren wie einer immer weiter steigenden Landflucht und den düsteren wirtschaftlichen Umständen, hat Indien die meisten Strassenkinder der Welt. Es gibt keine neuen Zahlen oder Statistiken, aber UNICEF berichtet von ca. 18 Millionen Strassenkindern in Indien im Jahr 2000. Alleine in der Stadt Mumbai leben geschätzte 250.000 Kinder in Bahnhöfen und auf der Strasse.

Strassenkinder sind Hunger, Mangelernährung, Vernachlässigung, körperlichem und sexuellem Missbrauch, Ausbeutung, Gewalt, Armut und Polizeibrutalität ausgesetzt und sind leichtes Opfer für Diebstahl und Suchtkrankheiten. Sie haben keine Rechte und werden von Schulbildung und angemessener Gesundheitsversorgung ausgeschlossen. Viele von ihnen haben niemals erlebt, wie es ist, ein Zuhause und eine liebende Familie zu haben.

Obwohl der Begriff Strassenkind breitgefächert und etwas ambivalent ist, wird er meistens im Zusammenhang mit Kindern, die in Armut leben und dem Dasein auf der Strasse ausgeliefert sind, verwendet. UNICEF definiert ‚Strassenkinder’ als Kinder, die entweder alleine oder mit ihrer Familie auf der Strasse leben oder Kinder, die die meiste Zeit auf der Strasse verbringen, aber regelmäßig heim kommen. Die Gründe, warum Kinder auf der Straße landen und dort leben und arbeiten, sind vielschichtig. Manche kommen aus verarmten, obdachlosen Familien, andere flüchten vor gewalttätigen Familiensituationen, in denen sie missbraucht wurden, wieder andere haben ein Zuhause, müssen aber zum Betteln oder Arbeiten auf die Strasse, um so zum Einkommen der Familie beizutragen. Dass alle Strassenkinder ausnahmslos Waisen sind, ist ein Trugschluss. Die Mehrheit der Strassenkinder sind keine Waisen. Viele haben vielleicht nur ein Elternteil, kommen aus zerbrochenen Familien oder haben die Bande zu ihren Familien abgebrochen. Ganz gleich aus welchem Grund die Kinder auf der Strasse landen, sie werden alle als Strassenkinder bezeichnet. Die weiter wachsende Präsenz dieser Kinder an öffentlichen Plätzen wie Parks, Bahnhöfen, Kreuzungen und Gehsteigen trägt stark zum Gesicht von vielen urbanen Zentren in Indien bei.

Um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeiten Strassenkinder in Indien in den verschiedensten Bereichen: Betteln, Müll sammeln, Prostitution, Diebstahl und kleinere Verbrechen, Schuhe putzen, Gepäck tragen, Reparaturarbeiten, Blumen verkaufen, Snacks verkaufen, etc. Weil die Kinder auf das Geld, das sie selbst verdienen, angewiesen sind, haben sie kaum Zeit zur Schule zu gehen und eine angemessene Ausbildung zu bekommen. Weil sie als AnalphabetInnen aufwachsen, sind ihre Chancen auf einen gut bezahlten Job als Erwachsene gleich Null. So geraten sie in einen Teufelskreis, der sie zwingt, den Rest ihres Lebens auf der Strasse zu verbringen.

Quellen
Koli, Mme. Personal interview. 10. Januar 2007.
O’Kane, Claire. (2003) “Street and Working Children’s Participation in Programming for their Rights.” Children, Youth, and Environments. Vol 13(1).