2006 – Bildung

Das erste Jahr als Familie war hauptsächlich dadurch charakterisiert, dass wir den Kindern halfen, sich an die neue Umgebung anzupassen, ihnen Regeln und Richtlinien näherzubringen und eine gewisse Lernkultur einzuführen. Gleichzeitig lernten wir in dem Prozess auch sehr viel über uns selbst.
Santosh, unser Fünfter, kam im Februar zu uns und wir hatten einen relativ ruhigen Frühling bis Sonali, Kajal, Tushar und Jyoti Ende April zu uns kamen. Bevor wir es bemerkten, feierten wir schon den ersten Geburtstag unserer kleinen AIC-Familie und machten uns Gedanken, wie wir der Gemeinschaft noch weiter helfen könnten.

Während unseres ersten Jahres als Non-Profit in Pune fragten sich unsere On-Site Leiterinnen immer wieder, wie wir noch mehr für die Straßenkinder tun könnten, vor allem mit unseren bescheidenen finanziellen Mitteln. Obwohl natürlich klar war, dass das ‚Wohnprogramm’ einen riesigen Einfluss auf das Leben der Kinder hat, gab es doch viele andere Kinder mit Familien, denen es an grundlegenden Dingen fehlte und die nicht weit von unserem Heim entfernt wohnten. Eines Tages schaffte es Liz eine Gruppe von Straßenkindern, mit denen sie engen Kontakt aufgebaut hatte, davon zu überzeugen, sie in den Slum mitzunehmen (das Gebiet heißt Kamraj Nagar), um so mit deren Erziehungsberichtigten sprechen zu können. Sie wollte sie davon überzeugen, dass diese die Kinder in die Schule schicken und nicht auf der Straße betteln lassen. Sie wusste es damals noch nicht, aber ihre Zeit in Kamraj Nagar sollte ein Grundstein für die Ereignisse sein, die später die Richtung die Weiterentwicklung von AIC in der Gemeinschaft entscheidend beinflussen sollten.

Kamraj Nagar ist ein Gebiet in Yerwada, Pune, das die Waghri- und Sikligar-Gemeinschaften, zwei “kriminelle” Gemeinschaften, bewohnen. Die Waghris sind eine Nomadengemeinschaft von Adivasis (Indigenen) aus dem Nordosten von Gujarat und dem südlichen Rajastan. Früher waren sie HändlerInnen, und im urbanen Kontext verdienten sie sich ihren Lebensunterhalt oftmals mit dem Handel mit Kleidung. Wie die Waghris wurden auch die Sikligars (ursprünglich aus dem Punjab und seinen Nachbarstaaten) durch das moderne Indien an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Früher waren sie meisterhafte SchmiedInnen und WaffenschmiedInnen, aber die Neuerungen in der Technologie machten ihre Arbeit obsolet. In den Slumgebieten im Einflussgebiet von AIC verkaufen die Sikligar-Väter und älteren Söhn, so sie nicht arbeitslos sind, Holzabfälle entlang der Straße. Wie die meisten indigenen Adivasi Gemeinschaften sind die Waghri und Sikligar weiterhin dem gesellschaftlichen Ausschluss und den Vorurteilen überall in Indien ausgesetzt. Zusätzlich sind diese zwei Gemeinschaften auf einzigartige Weise diskriminiert, weil sie im “Criminal Tribes Act” 1871 als kriminelle Stämme klassifiziert wurden. 1952 wurden die Stämme “denotified”, ihnen also der kriminelle Status aberkannt, trotzdem werden sie als „von Geburt an kriminell“ angesehen. Von den Waghris und Sikligars spricht man voller Angst. Sie leiden unter dem extrem schlechten Ruf, den sie innerhalb der Gesellschaft haben.

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Anfänglich waren die Eltern und Erziehungsberichtigten sehr zögerlich, was unsere Idee ihre Töchter in Schulen einzuschreiben anging. Nach Wochen von regelmäßigen Besuchen entschieden sich endlich die ersten Erwachsenen, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Im Juli 2006 wurde das Bildungsprogramm geboren und wir schrieben 12 Mädchen aus Kamraj Nagar in eine öffentliche Marathi-Medium Schule ein. Im ersten Jahr des Bildungsprogramms gingen die Mädchen täglich zur Schule und besuchten drei Mal in der Woche unser Haus, um dort zu duschen, Mittag zu essen, medizinische Versorgung zu bekommen, und um dort mit uns zu lernen. Nach einiger Zeit erkannten wir allerdings, dass wir das Programm erweitern mussten und einen neuen Platz für das Bildungszentrum finden sollten. Immer mehr Eltern waren daran interessiert, ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen und die Anzahl der Neueinschreibungen stieg rasant.

Ungefähr zur selben Zeit, auf der anderen Seite des Globus, wurde unser administrativer Zweig in Großbritannien an der London School of Economics gegründet.